Philae-Tempel
Der Philae-Tempel ist Aswans Perle, das Heiligtum der Göttin Isis, vor der Überflutung gerettet und auf eine neue Insel verlegt. Die Geschichte seiner Rettung ist nicht weniger dramatisch als die alten Mythen, die er gedenkt. Man kann ihn nur auf dem Wasserweg erreichen—was den Besuch noch besonderer macht.
Insel der Isis
Isis ist eine der Hauptgöttinnen des ägyptischen Pantheons. Ehefrau des Osiris, Mutter des Horus, verkörperte sie Magie, Mutterschaft und Treue. Die Legende sagt, dass es Isis war, die den zerstückelten Körper ihres Mannes sammelte und ihn wiederbelebte—lange genug, um einen Sohn zu empfangen.
Die Insel Philae galt als einer der Begräbnisorte des Osiris. Hier, auf heiligem Boden, entstand ein Kultzentrum der Isis. Pilger kamen aus dem gesamten Mittelmeerraum—der Isis-Kult verbreitete sich weit über Ägypten hinaus.
Der Tempel auf Philae war das letzte funktionierende Heiligtum der altägyptischen Religion. Er schloss erst 537 n. Chr.—zwei Jahrhunderte nach der offiziellen Annahme des Christentums. Die Priester der Isis erwiesen sich als hartnäckiger als andere.
Architektur des Tempelkomplexes
Der Tempel wurde hauptsächlich während der griechisch-römischen Periode erbaut: Ptolemäer, dann römische Kaiser, erweiterten und schmückten das Heiligtum. Aber die Architektur ist rein ägyptisch: Pylone, Säulenhallen, Sanktuar.
Der erste Pylon ist mit riesigen Reliefs verziert: Ptolemaios XII. (Kleopatras Vater) erschlägt Feinde in Gegenwart der Götter. Typische königliche Propaganda, aber die Größe beeindruckt.
Hinter dem Pylon liegt ein Hof mit einer Kolonnade, bekannt als "Mammisi"—Geburtshaus. Hier feierte man die mystische Geburt des Horus von Isis. Reliefs zeigen das Stillen des Götterkindes—berührende Szenen mütterlicher Liebe.
Der zweite Pylon führt zur Säulenhalle und zum Sanktuar. An den Wänden—Szenen der Isis-Verehrung, magische Texte, Priesterprozessionen. Die Relieferhaltung ist ausgezeichnet, trotz Spuren christlichen Vandalismus (göttliche Gesichter herausgemeißelt).
Trajans Kiosk
Das fotogenste Bauwerk des Komplexes ist der Pavillon von Kaiser Trajan (98-117 n. Chr.). Vierzehn Säulen mit exquisiten Kapitellen bilden eine offene Struktur ohne Dach (offenbar nie fertiggestellt).
Der Kiosk steht am Wasserrand—perfekt für Fotos, besonders bei Sonnenaufgang oder -untergang. Seine Silhouette ist zum Symbol Aswans geworden.
Rettung vor der Überflutung
Der erste Assuan-Staudamm (1902) überflutete die Insel Philae teilweise. Der Tempel stand mehrere Monate im Jahr unter Wasser, was den Stein zerstörte und die Farbe abwusch.
Der Bau des Hochdamms (1960-70) drohte mit vollständiger Überflutung. Die UNESCO organisierte eine Rettungsaktion—die zweite nach Abu Simbel.
Von 1972 bis 1980 wurde der Tempel in 40.000 Blöcke zerlegt und auf die benachbarte Insel Agilkia verlegt. Die Insel wurde speziell umgeformt, um die Konturen des ursprünglichen Philae nachzubilden. Heute steht der Tempel 13 Meter über seinem früheren Niveau.
Ton- und Lichtshow
Jeden Abend findet in Philae eine Ton- und Lichtshow statt. Die Geschichte des Tempels wird durch die Stimmen von Isis und Osiris erzählt, während Scheinwerfer Säulen und Reliefs beleuchten.
Shows finden in mehreren Sprachen statt (Zeitplan variiert je nach Tag). Es ist eine Touristenattraktion, aber die nächtliche Tempelatmosphäre ist wirklich magisch.
Anreise
Die Insel ist nur per Boot erreichbar. Der Anleger liegt 8 km südlich des Zentrums von Assuan (das Gebiet heißt Shellal). Taxi aus der Stadt—15-20 Minuten.
Boote fahren ab, wenn genug Passagiere zusammengekommen sind. Man kann ein ganzes Boot mieten (teurer, aber schneller). Die Überfahrt dauert 10 Minuten.
Praktische Informationen
Der Tempel ist von 7:00 bis 16:00 Uhr (Winter) oder bis 17:00 Uhr (Sommer) geöffnet. Die Ton- und Lichtshow hat separate Eintrittskarten, Beginn nach Sonnenuntergang.
Früh morgens oder bei Sonnenuntergang ankommen—mittags ist es heiß und viele Kreuzfahrtgruppen sind da. 1,5-2 Stunden für den Besuch einplanen.
Hut und Wasser mitbringen—auf der Insel gibt es wenig Schatten.
Atmosphäre und Tipps
Philae ist Ägyptens romantischster Tempel. Eine Insel inmitten von Wasser, Säulen im Nil gespiegelt, die Liebesgeschichte von Isis und Osiris in der Luft. Dies ist ein Ort zur Meditation, nicht zum Durchhetzen von Sehenswürdigkeiten.
Die Rettung des Tempels ist ein weiterer Grund zur Bewunderung. Menschen des 20. Jahrhunderts investierten enormen Aufwand, um das Erbe von Menschen zu bewahren, die vor zwei Jahrtausenden lebten. Das sagt genauso viel über uns wie der Tempel selbst über die alten Ägypter.
Nach Kom Ombo und Karnak wirkt Philae intim und kammermusikalisch. Die Größe überwältigt hier nicht—man spürt die Gegenwart einer Göttin, die Tausende von Jahren verehrt wurde.