Alte Tatarensiedlung
Kasan ist eine Stadt, in der Ost auf West trifft, Orthodoxie und Islam, russische und tatarische Kulturen. Nirgendwo wird diese Synthese so stark gespurt wie in der Alten Tatarensiedlung, einem historischen Viertel am Ufer des Kaban-Sees, wo tatarische Familien seit uber 450 Jahren leben. Als ich zum ersten Mal durch diese Strassen ging, war ich uberrascht: nur wenige Schritte vom Kreml entfernt, eine vollig andere Welt, mit holzernen Moscheen, bemalten Fensterrahmen und dem Aroma von Tschak-Tschak aus jedem Hof.
Geschichte der Siedlung: Vom Exil zum Wohlstand
Die Geschichte der Alten Tatarensiedlung beginnt mit einer Tragodie. 1552 eroberte Iwan der Schreckliche Kasan, und die tatarische Bevolkerung wurde hinter die Stadtmauern vertrieben, ihnen war verboten, in der Stadt selbst zu leben. So entstand die Siedlung am Sudufer des Kaban-Sees, wo die Tataren ihre parallele Stadt mit eigenen Moscheen, Medresen, Basaren und Badehausern bauten.
Die ersten anderthalb Jahrhunderte waren hart. Den Tataren war es verboten, Steingebaude zu errichten oder Minarette hoher als orthodoxe Kirchen zu bauen. Alles anderte sich unter Katharina II., die Kasan 1767 besuchte und den Bau von Steinmoscheen erlaubte. Die erste war die Marjani-Moschee, 1770 erbaut, sie steht noch heute als Kasans alteste Steinmoschee.
Das 19. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der Siedlung. Tatarische Kaufleute wurden reich durch den Handel mit China, Persien und Zentralasien. Sie bauten luxuriose Villen, spendeten fur Moscheen und Medresen, eroffneten Druckereien und veroffentlichten Zeitungen. Kasaner Tataren gehorten zu den gebildetsten Muslimen im Russischen Reich.
Die Sowjetzeit zerstorte diese Welt fast. Moscheen wurden geschlossen, Medresen wurden zu Lagerhausern, alte Hauser wurden abgerissen. Aber in den 1990er Jahren begann die Wiederbelebung: Moscheen wurden wiedereroffnet, historische Gebaude werden restauriert, und das Viertel wurde zu einer der Hauptattraktionen der Stadt.
Architektur: Zwischen Russland und dem Osten
Traditionelle tatarische Holzhauser
Gehen Sie durch die Strassen Kayum Nasiri, Tukay und Fatykh Karim, hier uberleben traditionelle tatarische Hauser aus dem 19. Jahrhundert. Sie unterscheiden sich von russischen: die Fassade zeigt zur Strasse (nicht zum Hof), die Fenster sind mit hellen Schnitzereien mit ostlichen Motiven verziert, Tore fuhren zu Innenhofen mit Garten.
Die Fensterrahmen sind besonders beeindruckend: russische Schnitzerei und ostliches Ornament verflochten, florale Motive, geometrische Muster, stilisierte Tulpen (ein Symbol der tatarischen Kultur). Jedes Haus ist einzigartig; man kann Stunden damit verbringen, diese geschnitzten Fenster zu fotografieren.
Kaufmannsvillen
Wohlhabende tatarische Kaufleute bauten Steinvillen im eklektischen Stil, eine Mischung aus Klassizismus, Jugendstil und ostlichen Motiven. Das Shamil-Haus (jetzt ein Museum), das Iskhakov-Haus, das Yunusov-Apanayev-Haus, diese Gebaude beeindrucken durch ihren Umfang und ihre Verfeinerung. Beachten Sie das Dekor: neben europaischen Elementen erscheinen Arabesken, ostliche Ornamente, stilisierte Inschriften.
Moscheen der Siedlung
Mehrere historische Moscheen uberleben in der Siedlung. Die Marjani-Moschee (1770), die alteste, im Barockstil mit tatarischen architektonischen Elementen erbaut. Die Apanayev-Moschee (1768), sogar alter nach Genehmigung, aber im 19. Jahrhundert umgebaut. Die Burnayev-Moschee (1872) ist bemerkenswert fur ihr "Empire-Stil" Minarett.
Alle diese Moscheen sind aktiv, Sie konnen hineingehen (unter Beachtung der Kleiderordnung), den Adhan horen, mit dem Imam sprechen. Das ist lebendige Tradition, keine Museumsausstellung.
Was zu sehen
Kayum Nasiri Strasse
Die Hauptfussgangerstrase der Siedlung ist nach einem tatarischen Aufklarer des 19. Jahrhunderts benannt. Museen, Cafes, Souvenirgeschafte konzentrieren sich hier. Verpassen Sie nicht das Tschak-Tschak-Museum, eine interaktive Ausstellung uber das beruhmte tatarische Dessert mit Verkostungen.
Sharif Kamal Hausmuseum
Ein kleines Museum in einem Holzhaus aus dem 19. Jahrhundert, einem tatarischen Schriftsteller gewidmet. Die Innenraume rekonstruieren das Leben der tatarischen Intelligenz: geschnitzte Mobel, bestickte Vorhange, Samowar auf dem Tisch.
Kaban-See
Die Siedlung grenzt an den Kaban-See, einen der geheimnisvollsten Orte Kasans. Die Legende besagt, dass der Schatz des letzten Kasaner Khans auf dem Seegrund liegt, vor Iwan dem Schrecklichen versenkt. Schatzsucher suchen immer noch, aber der See bewahrt seine Geheimnisse.
Die Seepromenade ist ausgezeichnet fur Abendspaziergange. Im Sommer gibt es beleuchtete Brunnen; Sie konnen ein Tretboot mieten oder einfach in einem Cafe mit Blick auf das Wasser sitzen.
Markte und Essen
Die Alte Tatarensiedlung ist ein Paradies fur Essenstouristen. Lokale Cafes servieren authentische tatarische Kuche: Echpotschmak (dreieckige Fleisch-Kartoffel-Pasteten), Kystyby (Fladenbrot mit Kartoffelpuree), Tokmach (Nudelsuppe), und naturlich Tschak-Tschak. Probieren Sie die Cafes "Haus der tatarischen Kuche" oder "Tatarisches Gut".
Was in der Nahe zu sehen
Die Siedlung ist nur Schritte vom Kasaner Kreml entfernt, einem UNESCO-Welterbe, in dem die beruhmte Kul-Scharif-Moschee steht. Dies ist Kasans Hauptattraktion, die man nicht verpassen sollte.
Nordlich der Siedlung verlauft die Fussgangerstrase Bauman-Strase, Kasans Arbat mit Geschaften, Restaurants und Strasenmusikern. Hier ist auch der Tempel aller Religionen, ein ungewohnliches Bauwerk, das architektonische Elemente verschiedener Glaubensrichtungen kombiniert.
Praktische Tipps
Wann kommen
Die Siedlung ist zu jeder Jahreszeit interessant. Der Sommer ist angenehm zum Spazieren auf der Kaban-Promenade, der Herbst zum Fotografieren geschnitzter Rahmen vor goldenem Laub, der Winter zum Aufwarmen in Cafes mit heissem Tee und Tschak-Tschak.
Beste Tageszeit: Morgen (wenige Touristen, ruhiges Fotografieren) oder Abend (schone Beleuchtung, besondere Atmosphare). Bei Sonnenuntergang werden die Moschee-Minarette golden, die beste Fotozeit.
Anreise
Vom Kreml: 15 Minuten zu Fuss uber die Strassen Profsoyuznaya und Moskovskaya. Von der Metro Ploshchad Tukaya: 10 Minuten. Sie konnen auch mit dem Bus zu den Haltestellen Tatarstan oder Kayum Nasiri fahren.
Benotige Zeit
Minimum: 2-3 Stunden zum Spazieren und Mittagessen. Mit Museumsbesuchen: einen halben Tag. Um tief in die tatarische Kultur einzutauchen, planen Sie einen ganzen Tag und besuchen Sie Koch- oder Kalligrafie-Workshops.
Atmosphare und Tipps
Die Alte Tatarensiedlung ist Kasans bester Ort fur diejenigen, die die Stadt abseits der Touristenrouten sehen wollen. Keine glanzende Kreml-Prahlerei, kein Bauman-Strassen-Larm. Dies ist ein lebendiges Viertel, wo der Adhan aus den Moscheen ertont, wo frische Gebackdufte aus Backereien wehen, wo man tatarische Sprache horen kann.
Eine besondere Atmosphare herrscht bei Sonnenuntergang, wenn die Minarette golden werden und die Promenadenlaternen aufleuchten. Jetzt ist die Zeit, ein lokales Cafe zu besuchen, Echpotschmak mit heissem Tee zu probieren und einfach das Leben fliessen zu beobachten.
Die Siedlung ist kein Museum, sondern eine lebendige Gemeinschaft, die ihre Identitat seit uber 450 Jahren bewahrt. Hier kann man ein anderes Russland sehen, multinational, wo Ost und West sich zu einer einzigartigen Kultur verweben.